Impulsivität in der Führung: Warum sie entsteht – und wie Selbststeuerung ihr entgegenwirkt

05. Januar 2025

Führung & Selbstführung
Impulsivität in der Führung: Warum sie entsteht – und wie Selbststeuerung ihr entgegenwirkt

Impulsivität in der Führung: Warum sie entsteht – und wie Selbststeuerung ihr entgegenwirkt?

Führung bedeutet, unter Druck handlungsfähig zu bleiben. Doch in vielen Situationen reagieren Führungskräfte schneller, als sie es eigentlich wollen: ein scharfer Kommentar, eine gereizte Reaktion, eine Entscheidung aus dem Affekt. Was von außen als mangelnde Professionalität erscheint, ist psychologisch oft etwas anderes: ein Zeichen dafür, dass innere Selbststeuerung unter Belastung versagt.

Impulsivität in der Führung ist keine Charakterschwäche. Sie ist oft ein Hinweis darauf, dass das innere System gerade überlastet ist.

Psychologisch betrachtet geht es bei Impulsivität nicht um fehlenden Willen, sondern um fehlende Regulation – ein entscheidender Unterschied.

Was bedeutet Impulsivität in Führungssituationen?

Impulsivität beschreibt die Tendenz, schnell zu reagieren, ohne vorher abzuwägen. In der Führung zeigt sich das in Momenten, in denen eine Reaktion erfolgt, bevor ein reflektierter Umgang mit der Situation möglich war.

Typische Beispiele sind:

  • ein unüberlegter Kommentar in einer Besprechung
  • eine überzogene Kritik unter Stress
  • eine schnelle Entscheidung, die später bereut wird
  • Gereiztheit gegenüber dem Team
  • Reaktionen, die nicht zur Rolle passen

In manchen Fällen fällt die Impulsivität anderen auf. In vielen Fällen bleibt sie jedoch verborgen, weil die Führungskraft sie durch Korrekturverhalten, Rückzug oder Kontrolle überspielt.

Eine Führungskraft beschrieb diesen Zustand so: „Ich habe es gesagt – und wusste im selben Moment, dass ich es bereuen werde.”

Warum reagieren Führungskräfte impulsiv – obwohl sie es besser wissen?

Die häufigste Annahme ist, dass impulsive Menschen sich nicht beherrschen können oder zu wenig reflektieren. Das trifft in der Regel nicht zu. Viele Führungskräfte sind sogar besonders reflektiert und diszipliniert.

Das Problem liegt nicht im Wollen, sondern in der inneren Steuerung.

Unter hohem Druck aktiviert das Nervensystem automatisch schnelle Reaktionsmuster. Diese sind evolutionär sinnvoll: Sie sichern schnelles Handeln in Gefahrensituationen. In komplexen Führungskontexten führen sie jedoch zu Überreaktionen.

Typische Auslöser sind:

  • Erschöpfung oder Schlafmangel
  • Dauerbelastung ohne Erholung
  • ungelöste emotionale Konflikte
  • wiederkehrende Frustration
  • Situationen, die an frühere Erfahrungen erinnern
  • Konflikte mit persönlichem Bezug

Die Reaktion ist dann keine freie Entscheidung, sondern ein automatisierter Prozess – oft schneller als das Denken.

Warum mehr Kontrolle nicht immer hilft

Viele Führungskräfte versuchen, mit Disziplin oder Willenskraft gegen ihre Impulsivität anzukämpfen. Sie nehmen sich vor, ruhiger zu reagieren, bewusster zu kommunizieren, mehr Abstand zu halten.

Doch dieser Ansatz funktioniert nur begrenzt. Denn wenn die innere Anspannung zu groß wird, übernimmt das Nervensystem die Steuerung, bevor der bewusste Wille eingreifen kann.

Kontrolle ist ein kognitiver Prozess. Impulsivität ist ein körperlicher.

Deshalb hilft mehr Kontrolle oft nicht dauerhaft, sondern führt zu innerer Erschöpfung und zu dem Gefühl, sich ständig im Griff haben zu müssen.

Eine Führungskraft beschrieb es so: „Ich bin nicht aufbrausend, weil mir etwas egal ist – sondern weil mir zu viel zu wichtig ist.”

Impulsivität als Warnsignal für innere Dysregulation

Psychologisch ist Impulsivität häufig ein Signal dafür, dass das innere System nicht ausreichend reguliert ist. Die Reaktion zeigt, was innerlich unter Druck gerät – und wo die Selbststeuerung an ihre Grenze kommt.

Das bedeutet nicht, dass eine Führungskraft unfähig ist. Es bedeutet vielmehr, dass bestimmte innere Zustände nicht ausreichend verfügbar sind:

  • innere Ruhe
  • emotionale Distanz
  • Zugang zu Handlungsalternativen
  • Fähigkeit zur Selbstberuhigung
  • Bewusstsein für den eigenen Zustand

Impulsivität ist dann nicht das Problem, sondern ein Hinweis auf ein tieferliegendes Thema.

Psychologische Arbeit an der Selbststeuerung

Psychologische Beratung für Führungskräfte setzt nicht an der Kontrolle an, sondern an der Regulation. Sie fragt nicht: Wie kann ich mich besser beherrschen?, sondern: Was passiert in mir, bevor ich die Kontrolle verliere?

In diesem Prozess werden Muster erkennbar:

  • Welche Situationen lösen Impulsivität aus?
  • Welche inneren Zustände gehen voraus?
  • Welche Grundanspannung ist dauerhaft vorhanden?
  • Welche Gefühle werden übergangen?
  • Welche Themen sind mit der Impulsivität verbunden?

Eine Führungskraft sagte nach einem Beratungsprozess: „Ich reagiere nicht weniger emotional – aber ich spüre früher, wann es kippt.”

Das ist der Unterschied zwischen Unterdrückung und Regulation. Regulation ermöglicht Handlungsspielraum, Unterdrückung erhöht den inneren Druck.

Was Selbststeuerung in Führung wirklich bedeutet

Selbststeuerung heißt nicht, keine Emotionen zu zeigen. Sie bedeutet vielmehr:

  • den eigenen Zustand wahrzunehmen
  • inneren Druck früh zu erkennen
  • Reaktionsmuster zu verstehen
  • zwischen Impuls und Handlung einen Raum zu schaffen
  • bewusst zu entscheiden, statt automatisch zu reagieren

Diese Fähigkeit ist nicht angeboren. Sie ist entwickelbar – unter der Voraussetzung, dass sie nicht mit Kontrolle verwechselt wird.

Oder wie eine Klientin formulierte: „Ich bin nicht gelassener geworden – aber ich habe gelernt, meine Unruhe früher zu bemerken.”

Impulsivität ist keine Schwäche – sie ist ein Entwicklungsfeld

Führungskräfte, die impulsiv reagieren, sind nicht schwach. Sie stehen häufig unter hoher Belastung, tragen große Verantwortung und haben gelernt, sich über eigene Grenzen hinweg zu steuern. Genau das führt langfristig zu einer Überbelastung des inneren Systems.

Psychologische Arbeit an der Selbststeuerung ermöglicht es, diesen Kreislauf zu unterbrechen. Sie schafft eine stabilere innere Grundlage, von der aus Führung bewusster, ruhiger und wirksamer gestaltet werden kann.

Nicht weniger Emotion. Sondern mehr innere Orientierung.


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