Emotionsregulation in der Führung: Verantwortung tragen unter innerem Druck
Führung bedeutet, Entscheidungen zu treffen, die Auswirkungen auf andere haben. Diese Verantwortung ist nicht nur fachlich anspruchsvoll, sondern auch emotional belastend. Erwartungen, Unsicherheiten, Loyalitätskonflikte und Entscheidungsfolgen wirken permanent im Hintergrund mit.
Viele Führungskräfte funktionieren nach außen souverän. Innerlich jedoch erleben sie Anspannung, innere Unruhe oder das Gefühl, emotional ständig „unter Strom” zu stehen.
Emotionsregulation wird in diesem Kontext häufig mit Selbstkontrolle verwechselt. Psychologisch betrachtet greift dieses Verständnis jedoch zu kurz.
Emotionen als Teil von Führung – auch wenn sie nicht sichtbar sind
Emotionen beeinflussen Führung, unabhängig davon, ob sie offen gezeigt werden oder nicht. Sie wirken auf Wahrnehmung, Bewertung und Entscheidungsprozesse – oft unbewusst.
Angst kann zu übermäßiger Absicherung führen. Wut kann Entscheidungen verhärten oder beschleunigen. Schuldgefühle erschweren klare Abgrenzung. Unsicherheit verstärkt Kontrollbedürfnisse.
In Führungsrollen werden diese emotionalen Prozesse häufig reguliert, indem sie rationalisiert, kontrolliert oder innerlich auf Abstand gehalten werden. Kurzfristig kann das entlasten. Langfristig jedoch steigt die innere Spannung.
Entscheidungsdruck als emotionale Dauerbelastung
In meiner Arbeit als Psychologe zeigt sich häufig, dass Führungskräfte nicht an fehlender Kompetenz leiden, sondern an der emotionalen Last, die Verantwortung mit sich bringt.
Typische innere Dynamiken sind:
- das Bedürfnis, Fehler unbedingt zu vermeiden
- die Angst, falsche Signale zu senden
- Loyalitätskonflikte zwischen Organisation und Mitarbeitenden
- das Gefühl, Verantwortung emotional allein tragen zu müssen
Nicht die Entscheidung selbst wirkt dabei erschöpfend, sondern der innere Umgang mit den Emotionen, die sie auslöst.
Warum emotionale Kontrolle Führung nicht stabilisiert
Viele Führungskräfte haben früh gelernt, Emotionen möglichst nicht zu zeigen. Kontrolle gilt als Zeichen von Professionalität. Psychologisch betrachtet führt dauerhafte Emotionsunterdrückung jedoch häufig zu innerer Anspannung, Entscheidungsaufschub oder emotionaler Erschöpfung.
Forschung zur Emotionsregulation zeigt, dass chronische Unterdrückung emotionaler Reaktionen mit erhöhtem Stress, geringerer kognitiver Flexibilität und langfristig mit Burnout-Risiken verbunden ist (Gross & John, 2003).
Emotionale Kontrolle ersetzt dabei häufig innere Sicherheit. Führung wird dann nicht aus Klarheit gestaltet, sondern aus dem Versuch heraus, innere Unsicherheit zu regulieren.
Emotionsregulation aus psychologischer Perspektive: Führung beginnt innen
In der psychologischen Beratung mit Führungskräften arbeite ich nicht an Techniken zur schnellen Beruhigung oder zur Optimierung von Verhalten. Stattdessen geht es darum, die emotionale Dynamik hinter dem Entscheidungsdruck zu verstehen.
Zentrale Fragen sind dabei:
- Welche Emotion wird durch diese Verantwortung ausgelöst?
- Wovor schützt sie innerlich?
- Welche früheren Erfahrungen oder inneren Loyalitäten werden aktiviert?
- Was würde spürbar, wenn Kontrolle nicht sofort eingesetzt wird?
Erst wenn diese Zusammenhänge bewusst werden, verändert sich Emotionsregulation nachhaltig. Führungskräfte gewinnen die Fähigkeit, emotionale Spannung zu halten, ohne sich innerlich zu verengen.
Was sich verändert, wenn Emotionsregulation gelingt
Wenn Emotionen nicht mehr abgewehrt werden müssen, berichten Führungskräfte häufig von:
- mehr innerer Ruhe bei Entscheidungen
- größerer Klarheit in der Verantwortung
- geringerem Kontrollbedürfnis
- besserer Abgrenzung
- stabilerer Präsenz im Kontakt mit Mitarbeitenden
Emotionen verlieren dabei nicht ihre Bedeutung, wohl aber ihre Bedrohlichkeit. Entscheidungen entstehen nicht mehr aus innerem Druck, sondern aus innerer Stabilität.
Wenn innere Regulation Führung nach außen stabilisiert
Die Art, wie Führungskräfte mit ihren eigenen Emotionen umgehen, bleibt nicht auf die innere Ebene beschränkt. Sie wirkt sich unmittelbar auf das soziale Klima im Team aus – auch dann, wenn Emotionen nicht offen thematisiert werden.
Führungskräfte, die innere Spannung dauerhaft abwehren oder kontrollieren müssen, reagieren häufig weniger flexibel. Entscheidungen werden defensiver getroffen, Rückmeldungen vorsichtiger formuliert, Konflikte eher vermieden oder indirekt ausgetragen.
Ist Emotionsregulation hingegen innerlich tragfähig, entsteht eine andere Form von Präsenz. Führungskräfte können emotionale Reaktionen wahrnehmen, ohne sofort handeln oder sie abwehren zu müssen. Diese innere Beweglichkeit wirkt stabilisierend auf das Umfeld.
Teams erleben solche Führung häufig als verlässlicher, klarer und berechenbarer. Unsicherheiten können benannt werden, ohne sofort sanktioniert zu werden. Verantwortung wird geteilt, ohne dass Kontrolle verloren geht.
Psychologische Forschung zeigt, dass diese Form innerer Stabilität der Führungskraft eine zentrale Voraussetzung für Vertrauen, Lernfähigkeit und offene Kommunikation in Arbeitskontexten ist (Edmondson, 2018).
Verantwortung braucht emotionale Tragfähigkeit
Führung bedeutet nicht, frei von Emotionen zu sein. Sie bedeutet, Verantwortung zu tragen, während Emotionen präsent sind.
Emotionsregulation ist dabei keine Frage von Stärke im Sinne von Kontrolle, sondern eine Form innerer Tragfähigkeit. Psychologische Beratung unterstützt Führungskräfte darin, diese Tragfähigkeit zu entwickeln und Verantwortung zu tragen, ohne sich selbst dabei zu verlieren.
Nicht weniger Verantwortung. Sondern mehr innerer Halt im Umgang mit ihr.